Vom Zeitungsinserat zur Fan-Gruppe im Internet – Onlinemarketing im Wohnungsmarkt
Internetplattformen sind heute die wichtigsten Informationsquellen, um sich ein Bild vom aktuellen Immobilienangebot zu machen. Angetrieben vom Erfolg anderer Branchen und dem Modewort Social Media stehen die Anbieter von Immobilien vor dem Schritt in die nächste Generation des Onlinemarketings.
In unserem Blog veröffentlichen wir sporadisch Gastbeiträge. Diesmal ist die Reihe an Urs Meier,Verantwortlicher Marketing der Kantag Liegenschaften AG, mit einem Beitrag zu Onlinemarketing im Wohnungsmarkt. Wir möchten Urs an dieser Stelle herzlich danken und wünschen den Leserinnen und Lesern eine spannende Lektüre.
Immobilienplattformen haben die Zeitungsinserate als wichtigstes Informationsmedium bereits nach wenigen Jahren nach Markteintritt abgelöst. Heute weisen Online-Plattformen wie zum Beispiel homegate.ch gemäss Angaben auf ihrer Webseite monatlich rund vier Millionen Besucher auf, die aus einer Auswahl von durchschnittlich 50’000 Inseraten ihr Wunschobjekt aussuchen können.
Gründe für diesen Erfolg sind die Vorteile, welche ein Online-Inserat im Vergleich zur Offlinevariante also dem Printinserat bietet:
- Verfügbarkeit: Die Angebote sind jederzeit verfügbar und eine Kontaktaufnahme ist direkt möglich.
- Visualisierbarkeit: Die Objekte können zusätzlich zu Text und Bild auch mit Filmen oder 3D-Visualisierungen präsentiert werden.
- Services: Durch Kooperationen mit anderen Anbietern können interessante Zusatzinformationen geboten werden (z.B. Kartenanzeige, Steuerrechner oder Social-Facts zu den Gemeinden).
- Convenience: Die Suche nach geeigneten Objekten kann mittels unterschiedlicher Filter optimiert und dank Abo-Funktionen automatisiert werden.
- Kosten: Es entstehen keine Kosten für Suchende sowie geringe Auslagen für die Anbieter.
Nutzung von Web 2.0 für eine Immobilienverwaltung
Über Communities sind Neuigkeiten und Meinungen enorm schnell verbreitet. Einmal in Bewegung gesetzt, lässt sich eine Nachricht kaum mehr kontrollieren. Dieser drohende Kontrollverlust über die Kommunikation ist einer der Hauptpunkte, weshalb Immobilienverwaltungen noch nicht auf diesen neuen Kommunikationskanal setzen.
Die Vorstellung, dass sich Mieter auf einem Online-Kanal über Probleme in der Liegenschaft austauschen oder ihrem Ärger mit der Verwaltung Luft machen, sind Szenarien, die einem PR- Verantwortlichen die Haare zu Berg stehen lassen. Es stellt sich die Frage, wieso sich ein Unternehmen freiwillig dieser unkontrollierbaren Diskussion aussetzen soll.
Es ist immer ein Vorteil, aktiv eine Diskussion moderieren zu können. Ein Unternehmen kann so direkt auf (negative) Kommentare reagieren und Einfluss nehmen. Die Diskussion findet sowieso statt, wenn nicht auf der eigenen Seite, dann auf einer der vielen anderen Online-Plattformen wie z.B. Facebook. So gibt es auf diesem Portal zum Beispiel eine «Fan-Gruppe» mit dem Namen «Livit Immobilien – NEIN DANKE».
Eine Veränderung der Kommunikation mit den Kunden ist eine der grossen Chancen des Web 2.0. Unternehmen öffnen sich zu ihren Kunden hin und stellen ihre Fähigkeit unter Beweis, auf kritische Bemerkungen professionell zu reagieren. Diese Art von Transparenz entspricht der Erwartung heutiger Kunden und ist in vielen anderen Branchen längst Realität.
Neben dem Effekt des positiven Unternehmens-Images kann Social Media als zusätzlichen Marketing- und Kommunikationskanal beitragen, dass zum Beispiel
- die Bekanntheit gesteigert wird: Eine neue Internetseite, zum Beispiel für eine Erstvermietung, kann mit Einsatz von Web 2.0 beworben werden.
- ein virales Marketing aufgebaut wird: Die Kunden (Mieter) werden zu eigentlichen Botschaftern einer Unter-nehmung oder Überbauung, indem sie aus eigenem Antrieb ihre positiven Erfahrungen via Social Media weiter geben. Dieser Schneeball- oder eben Viral-Effekt ist nicht neu und entspricht der klassischen Mund-zu-Mund-Propaganda.
- die Suche nach «geeigneten» Mietern verbessert wird: Interessenten werden zu «Fans» einer Liegenschaft und tragen sich als «Freunde» oder «Followers» bei der entsprechenden Plattform ein. Diese Mitglieder erhalten von der Verwaltung allfällige Vorinformationen über neue Leerstände und haben so bessere Chancen, eine Wohnung zu erhalten.
Einige dieser Ansätze sind heute in der Immobilienszene Schweiz bereits vorhanden. Viele Verwaltungen und Eigentümer sind aber nach wie vor unsicher, ob, wie und wann der Schritt in die «neue Welt» gemacht werden soll. Dass sich der Trend in die dargestellte Richtung entwickeln wird, scheint unbestritten. Die «First Movers» in der Branche werden zeigen, wie diese neuen Instrumente des Onlinemarketings bei der Vermietung von Wohnraum helfen können.
Der Autor
Urs Meier arbeitet für die Kantag Liegenschaften AG und ist dort zuständig für das Marketing. Die Kantag ist eine Tochtergesellschaft des Kantons Zürich und betreut unter anderen die Liegenschaften der BVK Personalvorsorge des Kantons Zürich. Der Autor absolviert an der Hochschule Luzern den Lehrgang Master of Advanced Studies in Services Marketing and Management (MAS SMM).
Kontakt: uese.meier@gmx.ch
Veröffentlicht in: Gastbeiträge
Tags: Onlinemarketing, Wohnungsmarkt
Toengi sagt am 30. Juni 2011 um 10:18
Schön und gut – und der heutige Wohnungsmarkt Schweiz mit seinem knappen verfügbaren Angebot zwingt die Vermieter vielleicht gar nicht zu konsequentem Marketing. Das veränderte User-Verhalten im Web 2.0 könnte vielleicht ein Ansatz für schwer vermietbare Wohnungen sein, getreu der Long Tail-Theorie, dass jedes Angebot einen Interessenten findet, sofern dieser Interessent es denn dank Empfehlungen / Portalen und intelligenten Filtern findet? Gibt es dazu bereits konkrete Versuche, Beispiele?
Meier sagt am 30. Juni 2011 um 14:38
Es ist richtig, dass die aktuelle Wohnungsknappheit aufwändige Marketingarbeit oft “überflüssig” macht. Dieses Übergewicht an Nachfrage spielt sich jedoch primär in stadtnahen Lagen ab. Viele Mieter sind bereit für eine Stadtwohnung sehr hohe Mieten zu bezahlen. Anders sieht es bei Objekten in Aglomerations- oder ländlichen Orten aus. Da kann es durchaus vorkommen, dass ein Leerstand entsteht. In solchen Lagen ist ein gezieltes Marketing zwingend. Ziel ist es, das Angebot so zu kommunizieren, dass die entsprechenden Zielgruppen gefunden und auch angesprochen werden. Grundsätzlich ist es durchaus vorstellbar, dass das Web 2.0 als “Mund-zu-Mund-Empfehlung” ein erfolgreicher Kanal sein könnte. Dies würde jedoch voraussetzen, dass die Verwaltung über ein entsprechendes Netzwerk von “Fans” verfügt welche diese Objekte empfehlen. An diesem Punkt sind wir in der Schweiz noch nicht – obwohl sich viele Immobilienverwaltungen mit derartigen Fragen und Konzepten beschäftigen. Es braucht wohl ein erstes Erfolgsmodell – oder aber erhöhte Leerstandsquoten.